Ältere Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen waren besonders hart von den Maßnahmen während des Corona-Lockdowns betroffen. „Die zum Teil rigiden Regelungen bedeuteten für viele Bewohnerinnen und Bewohner massive Einschränkungen ihrer Persönlichkeitsrechte“, sagt Prof. Dr. Mirko Sporket vom Fachbereich Sozialwesen der FH Münster. Wie genau die Seniorinnen und Senioren in Pflegeeinrichtungen diese Lockdown-Zeit erlebt haben, hat der Hochschullehrer für Soziologie mit den Schwerpunkten Altern und Demografie durch eine Befragung untersucht.

„In den Medien hat man immer nur von anekdotischen oder dramatischen Einzelfällen gelesen und gehört, da wollte ich selbst mal genauer hinschauen“, erklärt der Wissenschaftler. Da er die Bewohnerinnen und Bewohner wegen des Besuchsverbots nicht direkt ansprechen konnte, befragte er per Online-Umfrage insgesamt 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von vier Einrichtungen der stationären Altenhilfe der St. Elisabeth-Stift gGmbH Sendenhorst. „Unterm Strich zeigt sich ein sehr vielfältiges Bild“, so Sporket. „Als massivstes Problem wurde auf jeden Fall das Besuchsverbot wahrgenommen. Die Stimmung unter den Seniorinnen und Senioren, die ihre Angehörigen nicht mehr treffen konnten, wurde häufig als traurig, verzweifelt und depressiv beschrieben. Hinzu kommt die Ausgangssperre, die für viele einen Verlust an Freiheit und Selbstbestimmung bedeutete.“

Für stark an Demenz Erkrankte scheint sich die Situation weniger dramatisch dargestellt zu haben als zunächst befürchtet. „Sie wurden teilweise sogar als entspannter beschrieben“, berichtet Sporket. „Das Besuchsverbot hat in diesen Fällen die Angehörigen vermutlich schlimmer getroffen als die Seniorinnen und Senioren selbst“, so seine Einschätzung. Nach den Aussagen der Befragten habe die Ruhe in den Einrichtungen vielen an Demenz erkrankten Menschen gutgetan.

Insgesamt sind die Bewohnerinnen und Bewohner sehr unterschiedlich mit der Situation umgegangen. „Die befragten Pflegekräfte schilderten, dass viele kein Verständnis für die Maßnahmen gezeigt und missmutig und auch gereizt reagiert hätten, während bei anderen Angst und Sorge dominiert hätten.“ Aber der Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner habe Verständnis für die getroffenen Maßnahmen gezeigt, so der Wissenschaftler.

Einige Fragen seiner Untersuchung bezogen sich auch auf die Arbeitssituation der Befragten. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlten sich während des Lockdowns stärker durch ihre Arbeit belastet: Kaum Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen, die Sorge vor einer eigenen Ansteckung, die Anpassung an sich ändernde Vorgaben, Konflikte mit Angehörigen und das Leid der Bewohnerinnen und Bewohner sind nur einige der genannten Gründe. Jedoch gab es auch positive Aspekte: Viele haben eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung und einen stärkeren Zusammenhalt im Team wahrgenommen.

Als Fazit aus seiner Studie empfiehlt Sporket den Pflegeeinrichtungen, genau zu reflektieren, was während des Lockdowns gut und was schlecht gelaufen ist und was sich daraus ganz allgemein für ihre Arbeit ableiten lässt. Der Altersforscher hält die Unterbringung von alten pflegebedürftigen Menschen in großen institutionalisierten Einrichtungen generell für eine „nicht adäquate“ Wohnform. „Wir müssen hin zu kleineren Wohneinheiten für alte Menschen. Und zwar integriert in den Sozialraum mit vorhandener Infrastruktur und erreichbaren Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangeboten.“ Eine Forderung, die seit langem im Raum stehe, deren Dringlichkeit sich nun aber in besonderer Weise gezeigt habe.

Quelle: FH Münster

Prof. Dr. Mirko Sporket
Prof. Dr. Mirko Sporket vom Fachbereich Sozialwesen der FH Münster hat untersucht, wie die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeinrichtungen den Corona-Lockdown erlebt haben. (Foto: FH Münster/Stefanie Gosejohann)