
Jan: Dickes B – das „B“ steht für Brett.
Laufen · 2. Oktober 2026
Sonntag, 27.09.2026, 08:45 Uhr, Berlin, Straße des 7. Juni, ca. 55.000 Menschen, 12 Grad, locker wolkig, aus dicken Boxen dröhnt mit sattem Bass der Song „Pepas“ von Farruko.
Während ich das hier tippe, habe ich Gänsehaut. Für solche Momente liebe ich das Marathonlaufen.
Mein Körper? Eine Mischung aus Vorfreude, Kribbeln in Armen und Beinen, Ruhepuls von 110 und dann doch auch wieder leichtem Magengrummeln. Und der Lauf beginnt …
12 Wochen zuvor:
Für mich startet, wie für viele andere auch, die Vorbereitung auf das Highlight im Herbst, egal ob Münster, Berlin, Köln oder Frankfurt. Alle müssen da durch. Bei mir lief’s eigentlich wie so oft: Der Plan von Trainer David Schönherr von der Running Crew Münster hat eine wiederkehrende Wochenstruktur mit lockeren Dauerläufen, Intervalltraining, langen Läufen sowie Kraft- und Alternativtraining (was ich leider viel zu oft überspringe).
Gleichzeitig liegt im Sommer aber auch immer die Urlaubszeit mit Familie, lauen Sommerabenden mit Freunden oder Grillen plus Bierchen und allem, was den Sommer so schön macht. Dieses Jahr kam ja auch noch die teilweise glühende Hitze dazu. Im Ergebnis sind es also bei mir eher durchwachsene Wochen. Vorgenommen hatte ich mir so ca. 80–90 Wochenkilometer für ein potenzielles Finish unter drei Stunden. Ganze vier Mal habe ich das auch geschafft. Dazwischen lagen eher 65–75er-Wochen. Der Test beim Halbmarathon in Münster-Hiltrup mit einem sehr kontrollierten Finish um 1:28 Stunden inklusive je fünf Kilometer Ein- und Auslaufen war allerdings zunächst sehr vielversprechend.
Dann kam sie aber leider doch wieder. Die Krankheitswoche. Bei meinem 20-jährigen Ausbildungstreffen einmal zu tief ins Glas geguckt, hieß es: eine ganze Woche reduziertes Training, nichts Intensives, und danach war dann doch irgendwie nichts mehr wie vorher. Zwei Wochen waren zu diesem Zeitpunkt noch bis Berlin. Eigentlich genug Zeit und nichts, um wirklich nervös zu werden, aber die Nase blieb hartnäckig zu und der Puls in den Einheiten danach war ungewöhnlich hoch, insbesondere auch bei den langsam gesteigerten Intervallläufen. So richtig traute ich dem Braten also nicht und die Unsicherheit schleppte ich mit in den Zug, als meine Frau und ich (ohne Kinder) freitags nach Berlin aufbrachen. Dennoch war ich voller Euphorie und nervöser Vorfreude auf das Wochenende, meinen ersten Berlin-Marathon und das Wiedersehen mit meinem Kumpel Markus, der uns in der Hauptstadt beherbergte.
Nach dem Eintreffen ging es erst mal zur Messe. Es folgte der erste kleine Schock: Die Bandmaschine für die Zugangsbändchen zum Startblock hatte einen Defekt und der Veranstalter musste kurzfristig improvisieren. Eigentlich keine große Sache, aber ein bisschen Unsicherheit: „Komme ich trotzdem in den Startblock?“ blieb. Die Messe war dafür ziemlich groß und sehr cool. Enorm viele Aussteller boten ein breites Programm und eine ordentliche Vielfalt – von Bekleidung bis Verpflegung war alles dabei. Das Thema Bändchen habe ich am Samstag mit einem zweiten Kurzbesuch auch schnell erledigt. Da lief alles wieder und man konnte sich das Bändchen noch nachholen (obwohl es nicht erforderlich gewesen wäre). Der Samstag war nach einem letzten Shake-out-Run dann ziemlich entspannt und es ging nach einem Tag voller Kohlenhydrate früh ins Bett.
Der Wecker um 5:30 Uhr und das anschließende Frühstück fielen mir sehr schwer. Es wollte so gar nicht runter, einzig der Magentee, den Markus mir noch mit auf den Weg gegeben hatte, lieferte die ersehnte Linderung. Am Bundestag traf ich dann auf Anna und Sophie. Wir hatten uns für einen gemeinsamen Start verabredet und bildeten die Running-Crew-Delegation für Berlin. Nach einem Foto ging es also hinein ins Veranstaltungsgelände und wir pilgerten gemeinsam, gut aufgeregt, in Richtung unseres Startblockes. Die Stimmung hier war schon großartig. Im Zugangsbereich hatte sich eine Gruppe afrikanischer Läuferinnen und Läufer zu einem Chor zusammengetan und stimmte laute Gesänge an, in die irgendwann alle übrigen Teilnehmenden (und darunter auch wir) mit einstimmten. Den weiteren Weg verbrachten wir dann damit, uns gemeinsam die Aufregung auszureden und zu beteuern: „Das wird schon alles gut gehen, für genau das hier haben wir ja trainiert.“
Im Startblock angekommen, bekamen wir erstmalig die ganze Größe dieses Laufes zu spüren. Bereits knapp 45 Minuten vor unserem eigentlichen Start war der Block brechend voll. Wir suchten uns einen guten Platz im vorderen Drittel und genossen das Flair, die Musik sowie die Vorstellung der Eliteläuferinnen und Eliteläufer. Der Start rückte immer näher und irgendwann war er dann endlich da.
Erstaunlich gut und mit üppig Platz kamen wir auf die Strecke, der Straße des 17. Juni folgend, mit Blick auf die Siegessäule – einfach Hammer. Die Luft brannte förmlich, weil alle diese positive Stimmung und Freude versprühten. Wir schafften es, uns davon nicht zu sehr leiten zu lassen, und blieben konstant über die ersten 5 Kilometer in der Zielpace von 4:15 pro Kilometer. Mein Puls? Zu hoch, aber hier dachte ich noch: „Ja, ist ja klar bei dieser Stimmung und dem Adrenalin in deinen Adern.“ Die Beine waren frisch und es lief sich insgesamt auch locker. Allerdings stieg mit jedem Blick auf die Uhr auch die Sorge: „Mist, der Puls muss runter, so geht das auf keinen Fall gut.“ Ein Teufelskreis. Die Sorge tat natürlich so gar nichts dafür, dass der Puls sich beruhigte. Dennoch konnte ich erst mal weiter dranbleiben.
Bei Kilometer 10 schlich sich dann die Gewissheit ein, dass der Puls bereits im roten Bereich ist, nicht mehr runtergeht und aus meiner Erfahrung heraus dann schnell die Gefahr droht, vollkommen einzubrechen. Ich begann also gedanklich, meine Ziele noch mal durchzuprüfen. Für mein A-Ziel hatte ich mir eine Zeit unter drei Stunden gewünscht, das B-Ziel wäre eine Zeit unter 3:05 Stunden gewesen und beim C-Ziel stand im Vordergrund: „Früh genug merken, dass die Kraft nicht da ist und den Lauf kontrolliert, langsamer zu Ende laufen.“ Auf keinen Fall wollte ich aber maximal einbrechen oder gravierende Probleme mit dem Magen bekommen, sodass der Lauf zur einzigen Qual wird.
Mit dem Fuß vom Gas lief es sich dann erst einmal deutlich entspannter und auch mental konnte ich den Abschied vom A-Ziel gut verkraften. Die Strecke hielt, was sie versprach: großartige Stimmung, überall launige Gruppen und musikalische Anfeuerung. Einfach ein Traum. An einigen Sehenswürdigkeiten der Stadt entlang durch die Stadtteile, im Regierungsviertel war ich ja schon zügig vorbeigeflogen, aber mit dem reduzierten Tempo konnte ich die Stimmung und die Strecke noch mal anders wahrnehmen. Dazu das Rathaus Schöneberg und die bekannte Stimmungshochburg am „Platz am Wilden Eber“ bis zum Potsdamer Platz.
Aber der absolut krönende Abschluss war am Ende eines dann echt tollen Rennens der Bereich von Kilometer 39 bis zum Ziel. Hier um die Ecke zu biegen und „Unter den Linden“ mit dem Blick aufs Brandenburger Tor das Ziel zu fixieren, trieb mir nicht nur kurzzeitig Tränen in die Augen, sondern bereitete mir auch eine ordentliche Gänsehaut. Am Ende stand eine 3:26 und der Stolz, es achtbar ins Ziel geschafft zu haben.
Im Zielbereich fiel dann einiges von mir ab, ich verspürte rundum ein Gefühl der Zufriedenheit und fand in der Meeting Area schnell meine Frau wieder.
Ich kann am Ende festhalten: Berlin ist eine Reise wert, ich muss das auf jeden Fall noch mal machen (!!!), kann es Marathonbegeisterten uneingeschränkt empfehlen und es war ein absolut geniales Event.
Nach einer Zeit der Erholung gilt es dann wohl doch mal, an den Schweinehund und an eine stärkere Begleitung des Lauftrainings durch Kraft- und Athletiktraining zu gehen. Die Anmeldung fürs Fitnessstudio ist auf jeden Fall schon mal raus.
Ein ganz besonderer Dank geht am Ende auch wieder mal an Sabine Roters von MünsterAktiv, die mir dieses Event mit ihrem Einsatz und ihrem Engagement so ermöglicht und mir damit einen großen Lauftraum erfüllt hat. Ich glaube, in ihrem Namen gesprochen, kann dieser Dank auch an das Veranstalterteam von SCC Events weitergegeben werden.

Text/Foto (Titel): Jan Schlarmann




