
„Im Wasser fühle ich mich nicht mehr behindert“
Münster Inklusiv · Schwimmen · 21. Juli 2026
Henry Wahlig über Freiheit, Mut und 1.500 Meter im Gnadensee
Wenn Henry Wahlig ins Wasser geht, geht es um weit mehr als 1.500 Meter. Beim traditionellen Gnadensee-Schwimmen in Allensbach am Bodensee stellte sich am 18.07.2026 der Münsteraner erneut der Herausforderung des Freiwasserschwimmens. Für den engagierten Botschafter der Tom-Wahlig-Stiftung ist der Wettkampf nicht nur ein sportliches Erlebnis, sondern auch ein Zeichen dafür, was möglich ist, wenn man sich von einer Diagnose nicht aufhalten lässt.
Henry Wahlig lebt mit der seltenen neurologischen Erkrankung HSP (Hereditäre Spastische Spinalparalyse), die das Gehen zunehmend erschwert. Im Wasser jedoch erlebt er eine Freiheit, die ihm an Land oft verwehrt bleibt.
Was bedeutet dir das Gnadensee-Schwimmen persönlich?
„Es bedeutet mir sehr viel. Ich gehe seit Jahren in die Schmieder Klinik Allensbach zur Reha. Meine Frau Susanne und ich haben die Gegend lieben gelernt. Und das Schwimmen liebe ich auch. Es ist meine Art, mich richtig voll sportlich zu betätigen. Da kommen also zwei Leidenschaften zusammen.“
Dass ausgerechnet Allensbach zu einem besonderen Ort für ihn geworden ist, ist also kein Zufall. Hier verbindet sich seine Liebe zum Bodensee mit seiner größten sportlichen Leidenschaft.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du am Ufer stehst und gleich ins kalte Wasser gehst?
„Ich denke, dass ich gleich im Wasser richtig aufdrehen und mich sportlich und körperlich voll ausleben kann. Im Wasser ist die Schwerkraft aufgehoben und ich fühle mich tatsächlich nicht mehr behindert. Es ist ein großartiges Gefühl, hier auch einmal ’normale‘ nichtbehinderte Menschen überholen zu können.“
Diese Worte beschreiben eindrucksvoll, warum das Schwimmen für Henry so viel mehr ist als nur Bewegung. Es schenkt ihm Freiheit, Selbstvertrauen und das Gefühl, Grenzen hinter sich zu lassen.
Doch Henry schwimmt nicht nur für sich selbst. Gemeinsam mit seiner Familie engagiert er sich seit vielen Jahren in der Tom-Wahlig-Stiftung. Mit sportlichen Aktionen macht er auf HSP aufmerksam und möchte anderen Menschen Mut machen.

Was kann Sport, was Worte manchmal nicht können?
„Sport, in diesem Fall das Schwimmen, kann ganz unmittelbar Grenzen überwinden, die wir für unüberwindbar halten – wie hier die Grenze zwischen Behinderung und Nichtbehinderung. Ich habe gemerkt, wie viele Mitschwimmer erst gar nicht geglaubt haben, dass ich gar nicht laufen kann, als der Wettkampf vorbei war.“
Genau darin liegt die besondere Kraft des Sports: Er schafft Begegnungen auf Augenhöhe und zeigt, dass Fähigkeiten oft größer sind als Vorurteile.
Was möchtest du Menschen mitgeben, die sich von einer Diagnose oder einer Einschränkung ausgebremst fühlen?
„Bleibt aktiv und geht weiter an Eure persönlichen Grenzen – aber messt Euch nicht an anderen! Ihr ganz alleine wisst, was Ihr noch schaffen könnt. Wenn ich zum Beispiel ein paar hundert Meter an meinen Stöcken gegangen bin, ist das für mich ein Erfolgserlebnis wie ein Marathon für andere Menschen.“
Eine Botschaft, die weit über den Sport hinausgeht.
Der schönste Moment des Tages hatte für Henry allerdings nichts mit Zeiten oder Platzierungen zu tun.
Was war dein schönster Moment an diesem Tag?
„Meine Frau Susanne und meine Töchter haben mich komplett überrascht und sind ohne mein Wissen aus Bochum angereist, um mich zu unterstützen. Kurz vor Beginn des Schwimmens standen sie plötzlich an der Startlinie. Ich war wirklich völlig perplex und sofort viel ruhiger. Von diesem Moment an wusste ich: Heute wird alles gut klappen!“
Es sind genau diese Momente, die das Gnadensee-Schwimmen für Henry unvergesslich machen. Nicht Medaillen oder Platzierungen stehen im Mittelpunkt, sondern Gemeinschaft, Unterstützung und die Freude daran, gemeinsam Herausforderungen zu meistern.
Henry Wahlig hat am Bodensee einmal mehr gezeigt, dass Sport weit mehr sein kann als Wettkampf. Er verbindet Menschen, baut Barrieren ab und macht Mut. Oder, wie Henry es selbst sagt: Nicht der Vergleich mit anderen zählt – sondern der Mut, die eigenen Grenzen immer wieder ein kleines Stück zu verschieben.
Text: Münster aktiv / Fotos: privat/Wahlig




