
Extreme Hitze: Der Körper kann einen Kipppunkt erreichen, an dem die Systeme versagen
Aktuell · Gesundheit · 28. Juli 2026
„Wir haben auf der Intensivstation nur die Spitze des Eisbergs gesehen.“
Münster (ukm/aw). Bei Temperaturen von über 40 °C mussten während der Hitzewelle Ende Juni mehrere Menschen wegen lebensbedrohlicher Hitzeschäden am UKM (Universitätsklinikum Münster) intensivmedizinisch behandelt werden. Zwei ältere Patientinnen und Patienten starben, ein junger Patient wird voraussichtlich schwere Organschäden davontragen. Im Interview erklärt Julia Wiedemann, Oberärztin der internistischen Intensivstation 10 A Ost, warum Hitze lebensbedrohlich werden kann – und weshalb jeder die Warnsignale seines Körpers sehr ernst nehmen sollte.
Frau Wiedemann, die jüngste Hitzewelle hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Wie haben Sie diese Tage auf der Intensivstation erlebt?
Wir haben während der letzten Hitzeperiode mehrere Patientinnen und Patienten mit schweren hitzebedingten Erkrankungen aufgenommen – allein an dem besonders heißen Wochenende waren es sechs Betroffene, die über die Notaufnahme zu uns kamen. Das hat auch uns beeindruckt. Eine solche Häufung schwerer Hitzeschäden habe ich in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Was viele unterschätzen: Ein Hitzschlag entsteht meist nicht innerhalb weniger Stunden. Wenn extreme Hitze über mehrere Tage anhält, steigt die Belastung für den Körper in dieser Zeit kontinuierlich – bis irgendwann ein Kipppunkt erreicht werden kann.
Wann wird aus einer Hitzeerschöpfung ein lebensbedrohlicher Hitzschlag?
Viele Menschen denken, ein Hitzschlag komme plötzlich, was das Wort ja suggeriert. Tatsächlich kündigt er sich häufig an. Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, eine schnellere Atmung oder Herzrasen sind Warnzeichen, die man ernst nehmen sollte. In diesem Stadium kann der Körper seine Temperatur häufig noch selbst regulieren. Wer dann sofort aus der Hitze geht, sich aktiv abkühlt und viel trinkt, kann einen Hitzschlag vielleicht noch verhindern. Gefährlich wird es, wenn die Thermoregulation versagt. Zunächst stellt der Körper die Hautgefäße weit, um möglichst viel Wärme abzugeben. Die Haut wird rot und heiß, gleichzeitig produziert der Körper große Mengen Schweiß. Bricht dieses Schutzsystem zusammen und die Schweißproduktion versiegt, obwohl der Körper weiter überhitzt, ist das mehr als ein Alarmsignal. Die Körpertemperatur steigt dann oft innerhalb kurzer Zeit auf über 40 Grad Celsius. Verwirrtheit, Übelkeit, Erbrechen, Krampfanfälle oder Bewusstseinsstörungen sind die Folgen.
Was passiert im Körper, wenn dieser Kipppunkt überschritten wird?
Ab einer Körpertemperatur von etwa 40 Grad funktionieren viele Eiweiße und Enzyme nicht mehr richtig. Gleichzeitig werden Gefäße und Gewebe geschädigt, wodurch eine schwere Entzündungsreaktion im gesamten Körper ausgelöst werden kann. Die Folge können schwere Schäden an Gehirn, Leber, Nieren und anderen Organen sein. Das Tückische ist, dass sich dieser Prozess irgendwann selbst verstärken kann. Deshalb zählt bei einem Hitzschlag buchstäblich jede Minute.
Ein Hitzschlag ist ein medizinischer Notfall – jeder Zweite überlebt ihn nicht
„Viele Menschen unterschätzen die Gefahr. Ein Hitzschlag ist keine harmlose Kreislaufschwäche, sondern ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, bei dem innerhalb kurzer Zeit mehrere Organe versagen können.“
Oberärztin Julia Wiedemann
Wie behandeln Sie Patientinnen und Patienten mit einem schweren Hitzschlag?
Bei einem Hitzschlag beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Ziel muss es sein, die Körpertemperatur innerhalb von 30 Minuten wieder unter 40 Grad zu senken. Die wichtigste Therapie ist deshalb die Kühlung auf schnellstem Wege – unter anderem mit Eiswasserbädern. Parallel stabilisieren wir Kreislauf und Atmung und behandeln ein mögliches Organversagen intensivmedizinisch. Trotzdem überlebt ungefähr die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit einem schweren Hitzschlag die Erkrankung nicht. Diese Zahl zeigt, dass ein Hitzschlag nichts mit einer harmlosen Kreislaufschwäche zu tun hat.

Wer ist besonders gefährdet?
Ältere Menschen, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen chronischen Erkrankungen sowie Personen, die Medikamente einnehmen, die den Flüssigkeits- oder Wärmehaushalt beeinflussen. Hinzu kommt, dass gerade ältere oder körperlich eingeschränkte Menschen häufig gar nicht die Möglichkeit haben, selbstständig kühlere Orte aufzusuchen. Aber auch jüngere Menschen sollten Hitze nicht unterschätzen. Wer sich bei hohen Temperaturen körperlich stark belastet – etwa beim Sport, bei Festivals oder bei körperlicher Arbeit im Freien –, sollte auf die Signale seines Körpers achten und rechtzeitig reagieren.
Welche Warnsignale sollten Menschen ernst nehmen – und was raten Sie ihnen?
Niemand sollte denken: „Das geht schon wieder vorbei.“ Wenn Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen auftreten, sollte man die Hitze sofort verlassen, einen kühlen Ort aufsuchen, den Körper aktiv kühlen und ausreichend trinken. Spätestens wenn Übelkeit oder Verwirrtheit auftreten oder sogar Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen oder eine heiße, gerötete Haut ohne Schweißbildung hinzukommen, muss umgehend der Rettungsdienst unter 112 alarmiert werden. Ein Hitzschlag ist ein lebensbedrohlicher Notfall.
Welche Botschaft möchten Sie den Menschen angesichts immer häufiger auftretender Hitzewellen mitgeben?
Mir geht es nicht darum, Angst zu machen. Aber wir müssen verstehen, dass extreme Hitze eine ernst zu nehmende Gesundheitsgefahr ist. Ich glaube, viele Menschen unterschätzen sie noch immer. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass solche Hitzewellen immer häufiger eintreten. Wir haben an besagtem Wochenende auf unserer Intensivstation nur die Spitze des Eisbergs gesehen. Viele Betroffene wurden bereits in den Notaufnahmen behandelt oder kamen gar nicht erst ins Krankenhaus. Ich wünsche mir vor allem eines: dass Menschen die ersten Anzeichen sehr ernst nehmen und sofort handeln, um zu verhindern, dass eine lebensbedrohliche Situation überhaupt eintritt.
Foto (UKM/Marschalkowski): Julia Wiedemann, Oberärztin der Internistischen Intensivstation am UKM.




