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Man hat Ja gesagt. Also bleibt man dabei.

Wolfgang Hölker und seine Tochter Johanna über die Seele des Turniers der Sieger, die Kunst des Loslassens – und warum ein Großereignis niemals einem Einzelnen gehört

Es gibt Veranstaltungen, die werden organisiert. Und es gibt Veranstaltungen, die wachsen über Jahrzehnte zu einem Teil einer Stadt. Das Turnier der Sieger gehört zur zweiten Kategorie.

Wer Anfang September vor dem Münsteraner Schloss die Reiter aus dem internationalen Spitzenfeld sieht, erlebt vier Tage großen Reitsport. Was man nicht sieht, ist die Geschichte dahinter: die Menschen, die seit Jahrzehnten dabei sind, die Freundschaften, die Helfer, die Generationen, die inzwischen gemeinsam anpacken und die vielen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, bevor überhaupt das erste Pferd den Platz betritt.

Wolfgang Hölker kennt diese Geschichte aus eigener Erfahrung. Schon als kleiner Junge kam er mit seinen Eltern zu den Turnieren. Später wurde aus dem Zuschauer ein Mitgestalter. Heute gehört er zu den prägenden Köpfen hinter dem Turnier der Sieger.

Seine Tochter Johanna erlebt diese Entwicklung inzwischen aus einer anderen Perspektive. Gemeinsam sprechen die beiden mit Münster aktiv über eine Veranstaltung, die sich verändert hat und trotzdem ihrem Kern treu geblieben ist.

Herr Hölker, erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Turnier der Sieger?

Wolfgang Hölker: Sehr gut sogar. Ich bin schon als kleiner Junge mit meinen Eltern zum Turnier gegangen. Ich war damals schon pferdeaffin. Das hat mich interessiert. Dass ich Jahrzehnte später selbst so eng mit dem Turnier verbunden sein würde, hätte ich damals natürlich nicht gedacht.

Mit Anfang 20 bin ich dann erstmals intensiver in die Organisation hineingekommen. Damals ging es bei mir zunächst gar nicht so sehr um den Sport, sondern eher um die technischen und finanziellen Dinge.

Und irgendwann war aus dem „Dabei sein“ eine jahrzehntelange Verantwortung geworden.

Wolfgang Hölker: Ja. Das ist vielleicht ein bisschen typisch westfälisch. Man hat einmal Ja gesagt und dann bleibt man dabei. Man lässt den anderen nicht im Regen stehen.

Denn beim Turnier der Sieger gibt es viele Menschen, die seit Jahrzehnten dabei sind. Manche Aufgaben haben sich verändert, manche Menschen sind älter geworden, neue sind hinzugekommen. Aber dieses Gefühl, gemeinsam für eine Sache verantwortlich zu sein, ist geblieben.

Sie sprechen auffallend oft vom Team und erstaunlich wenig von sich selbst.

Wolfgang Hölker: Weil das auch die Wahrheit ist. Wir stehen natürlich vorne und werden entsprechend gelobt oder auch kritisiert. Aber das Turnier ist eine Teamleistung. Es gibt so viele Menschen, die unglaublich wichtig sind. Das kann man gar nicht oft genug sagen. Ohne dieses Team gäbe es das Turnier nicht.

Wer im Publikum sitzt, bekommt von dieser Arbeit kaum etwas mit.

Wolfgang Hölker: Das ist ja auch gut so. Das Publikum soll den Sport genießen. Aber hinter den Kulissen passiert sehr viel. Und vieles davon wird von Menschen gemacht, die nicht im Vordergrund stehen wollen.

Johanna, Sie gehören inzwischen zu einer Generation, die diese gewachsene Struktur von innen erlebt. Was fällt Ihnen dabei besonders auf?

Johanna Hölker: Dass es tatsächlich mehrere Generationen sind, die da zusammenkommen.

Viele Helfer sind schon seit 20 Jahren oder länger dabei. Und jetzt helfen deren Kinder mit. Da sind Jugendliche, die beim Aufbau helfen, Blumen aufstellen und wieder abbauen, das Viereck vorbereiten oder andere Aufgaben übernehmen. Das ist schon schön zu sehen. Gerade weil es für viele Veranstaltungen heute schwierig ist, Ehrenamtliche zu finden, ist diese gewachsene Gemeinschaft etwas Besonderes.

Also eine Art Familie?

Wolfgang Hölker: Ja, das kann man schon so sagen. Und diese Familie ist über viele Jahre gewachsen. Genau darin liegt ihre Stärke.

Vielleicht erklärt das auch, warum man ein solches Turnier nicht einfach an einen anderen Ort verpflanzen könnte.

Wolfgang Hölker: Natürlich gehört der Ort dazu. Aber vor allem gehören die Menschen dazu. Es gibt inzwischen deutschlandweit große Turniere, die abgesagt werden müssen, weil sie finanziell und organisatorisch kaum noch zu stemmen sind. Man braucht Menschen, die sich wirklich engagieren. Und man braucht jemanden wie die Familie, die dieses Engagement über viele Jahre trägt. Das ist nicht selbstverständlich.


Wenn aus Tradition Spitzensport wird

Das Turnier der Sieger selbst ist längst nicht mehr das Turnier, das Wolfgang Hölker als junger Mann kennengelernt hat.

Auch der Name erzählt seine Geschichte. Ursprünglich sollte Münster am Ende der Saison die Sieger der umliegenden Turniere zusammenbringen. Das Turnier der Sieger war tatsächlich ein Treffen der Erfolgreichen aus der Region. Heute kommen Reiterinnen und Reiter aus ganz Deutschland und dem Ausland.

Hat sich damit auch der Charakter des Publikums verändert?

Wolfgang Hölker: Der ländliche Charakter des Umlands war früher sicherlich stärker. Aber das Turnier ist internationaler geworden. Heute kommen Reiter aus ganz unterschiedlichen Ländern nach Münster. Das ist schon eine Entwicklung.

Johanna Hölker: Und der Sport selbst hat sich sehr verändert, ist insgesamt globaler geworden. Heutzutage ist es schwieriger geworden Reiterinnen und Reiter aus der Weltspitze nach Münster zu bekommen, weil parallel so viele Veranstaltungen stattfinden.  

Und trotzdem ist das Turnier der Sieger eine Marke und wird sehr geschätzt.  

Das klingt nach einem größeren organisatorischen Kraftakt als früher.

Johanna Hölker: Ist es mit Sicherheit teilweise auch. Es gibt aber auch genaue Vorgaben für die Zusammensetzung des Starterfeldes, da geht es um limitierte Startplätze, die vergeben werden und anhand der Warteliste/Reserveliste kann man die Bedeutung des Turniers gut ablesen. Diese ist meist recht lang. 

Trotzdem kommen viele Reiter sehr gerne nach Münster.

Johanna Hölker: Ja, genau und wir freuen uns immer sehr darüber auch ein paar ganz große Namen und Championats-Reiter vor dem Schloss sehen zu dürfen.


Wenn das Wetter zum Mitspieler wird

Eine neue Herausforderung steht allerdings nicht im Turnierkalender. Sie kommt vom Himmel. Die Sommer werden heißer, die Böden trockener, extreme Wetterlagen häufiger. Was bedeutet das für eine Veranstaltung, bei der der Boden eine zentrale Rolle spielt?

Wolfgang Hölker: Zunächst einmal freuen wir uns natürlich über gutes Wetter. Aber der Boden ist bei einem solchen Turnier ein ganz wichtiges Thema. Die Vorbereitung wird von Spezialisten gemacht, der Platz wird bewässert und entsprechend aufgebaut. Das ist heute eine regelrechte Kunst. Der Boden muss den Pferden optimale Bedingungen bieten. Gleichzeitig muss der gesamte Aufbau nach dem Turnier wieder zurückgebaut werden können, sodass nach kurzer Zeit möglichst nichts mehr davon zu sehen ist.

Und wenn es irgendwann regelmäßig 40 Grad werden?

Wolfgang Hölker: Dann muss man vorsichtig sein. Die Pferde können sich durchaus an höhere Temperaturen gewöhnen. Aber bei solchen Temperaturen muss man kreativ und flexibel reagieren. Auch das Publikum ist bei sehr hohen Temperaturen zurückhaltender und bleibt zuhause.

Johanna Hölker: Andere Veranstalter haben bei großer Hitze bereits Prüfungen sehr früh am Morgen beginnen lassen. Dann versucht man, die extrem heißen Stunden zu vermeiden.

Das betrifft nicht nur die Pferde.

Wolfgang Hölker: Nein. Es muss für alle Seiten vertretbar sein: für die Pferde, die Reiter und natürlich auch für das Publikum. Das betrifft uns alle. Ob Laufveranstaltung, Triathlon oder Reitsport; irgendwann kommt man bei extremen Temperaturen an einen Punkt, an dem man überlegen muss, wie man eine Veranstaltung verantwortungsvoll durchführt.


Ein Sponsor ist mehr als ein Logo

Auch die Finanzierung eines internationalen Turniers ist komplexer geworden. Partner sind unverzichtbar. Gleichzeitig stellt sich immer wieder die Frage, welche Werte ein Sponsor mitbringt und wie gut er zu einer Veranstaltung passt.

Das aktuelle Engagement eines internationalen Partners aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde deshalb auch innerhalb des Vereins diskutiert.

Wie wichtig ist Ihnen die Frage, ob ein Partner zu Münster und zum Reitsport passt?

Wolfgang Hölker: Natürlich muss man darüber diskutieren können. Diese Diskussion muss erlaubt sein. Aber man muss auch sehen, wer hinter dem Engagement steht. Hier unterstützt eine Frau den Pferdesport aus großer Leidenschaft. Sie ist seit Jahren pferdeaffin, hat bereits Pferde in Deutschland gekauft und unterstützt auch andere große Reitsportveranstaltungen. Wir sind froh, dass jemand dieses Turnier auf diesem Niveau unterstützt.

Es ging also nicht darum, eine kritische Diskussion zu vermeiden?

Wolfgang Hölker: Nein. Im Gegenteil. Auch im Verein wurde darüber gesprochen. Das war keine Entscheidung, die einfach verkündet wurde. Aber es gab keine Stimmen, die gesagt haben: Das wollen wir grundsätzlich nicht. Man kann über bestimmte Dinge diskutieren und gleichzeitig anerkennen, dass jemand den Reitsport unterstützt. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen dafür, dass eine gewachsene Gemeinschaft auch unterschiedliche Sichtweisen aushalten kann.


Und dennoch: Wäre Wolfgang Hölker froh, wenn künftig mehr Unternehmen aus Münster und dem Münsterland den Reitsport unterstützen würden?

Natürlich. Aber Sponsoring ist schwieriger geworden. Unternehmen werden für soziale Projekte, Kultur, Sport und Vereine angesprochen. Oft sind es immer dieselben Ansprechpartner, die um Unterstützung gebeten werden. Dann kam jemand, der eine besondere Leidenschaft für Pferde mitbringt und bereit ist, genau diesen Sport zu unterstützen. Für Hölker ist das kein Grund, die Augen vor Diskussionen zu verschließen. Aber ein Grund, dankbar für das Engagement zu sein.


Was eine Stadt von einem solchen Turnier hat

Das Turnier der Sieger gehört zu den großen Veranstaltungen Münsters. Entsprechend groß ist die öffentliche Aufmerksamkeit. Aber bekommt man dafür von der Stadt auch einmal ein Dankeschön?

Wolfgang Hölker: Ja. Es gibt einen Dankeschön-Abend, bei dem Vertreter der Stadt und die Verantwortlichen zusammenkommen. Da wird schon ausgesprochen, welche Bedeutung das Turnier für Münster hat. Natürlich wird die Arbeit, die wir leisten, nicht bezahlt. Aber die Wertschätzung ist da. Vielleicht muss man genau zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden: zwischen Bezahlung und Anerkennung. Das Turnier lebt von Menschen, die ihre Zeit investieren, weil ihnen die Veranstaltung etwas bedeutet.


Wie lange noch?

Irgendwann kommt bei jeder jahrzehntelangen Geschichte die Frage nach der Zukunft. Wie lange macht man weiter? Wolfgang Hölker ist im gleichen Alter wie sein langjähriger Weggefährte Henrik Snoek. Im Gespräch fällt der Name Mick Jagger, der auch mit 82 noch auf der Bühne steht.

Warum also nicht?

Wolfgang Hölker: Lass uns gesund bleiben.

Johanna Hölker: Das Alter ist doch nur eine Zahl.

Und genau darin liegt vielleicht die schönste Verbindung zwischen Vater und Tochter. Der eine kennt die Geschichte. Die andere steht für die nächste Generation. Beide wissen, dass sich ein Turnier verändern muss, wenn es bleiben soll.

Aber ebenso wissen sie, was man nicht verändern darf: die Menschen, die dahinterstehen. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Die Freundschaften. Und dieses westfälische Prinzip, das Wolfgang Hölker gleich zu Beginn formuliert hat:

Man hat Ja gesagt. Also bleibt man dabei.

Solange Menschen diesen Satz ernst nehmen, ist das Turnier der Sieger mehr als ein Reitturnier.

Es ist ein Stück Münster.

Das Gespräch mit Wolfgang Hölker und Johanna Hölker führte Münster aktiv.

Fotos: Münster aktiv

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