
Stöppler. 60 Jahre. 226 km. Platz 1.
Triathlon · 21. August 2026
3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen: Petra Stöppler vom Verein Marathon Steinfurt hat beim Ironman Copenhagen ihre Altersklasse gewonnen. Mit 60 Jahren. Dabei ging es ihr gar nicht in erster Linie um einen Platz auf dem Podium. Nach einer bitteren Erfahrung bei ihrer letzten Langdistanz wollte sie vor allem eines wissen: Was kann ich wirklich noch?
Münster aktiv: Petra, erst einmal herzlichen Glückwunsch! Ihr seid gestern Abend aus Kopenhagen zurückgekommen. Wie fühlt sich der Sieg ein paar Tage später an?
Petra Stöppler: Sehr gut. Wir sind gestern Abend spät wiedergekommen, aber ich habe tatsächlich gut geschlafen. Es war einfach ein richtig schöner Tag.
Münster aktiv: Ein schöner Tag nach 226 Kilometern?
Petra Stöppler: Ja, wirklich. Beim Schwimmen mit dem Neoprenanzug brauche ich immer ein bisschen, bis ich ins reinkomme, da ich damit am Hals so meine Probleme habe. Bei der Wassertemperatur von rund 18 Grad muss auch ich, als gute Schwimmerin, ihn als Kälteschutz anziehen.
Beim Radfahren war es dann einfach mega. Ich hatte überhaupt keine Probleme. Auch der Wind hat mich nicht groß gestört. Es war total kurzweilig.
Münster aktiv: Du hattest deinen Mann Jörg an der Strecke und so konntest über den Tracker deine Position ein bisschen verfolgen.
Petra Stöppler: Ja. Nach dem Schwimmen hatte ich schon einen Vorsprung, aber das darf man nicht überbewerten. Man weiß ja nicht, wer hinter einem noch kommt. Beim Schwimmen holt man den Sieg nicht heraus.
Auf dem Rad konnte ich den Vorsprung dann aber immer weiter ausbauen. Jörg hat mir nach der ersten Runde etwas zugerufen, nach der zweiten Runde wieder. Da waren es schon 18 Minuten Vorsprung nach dem Radfahren.
Münster aktiv: Da sollte man eigentlich entspannt auf den Marathon gehen können.
Petra Stöppler: Eigentlich schon. Aber bei einer Langdistanz weißt du nie, was noch kommt. Das war jetzt meine 16. Langdistanz. Und ich finde, es läuft eigentlich nie alles geradeaus. Es ist immer ein bisschen ein Auf und Ab. Mal läuft es gut, dann kommt ein Tief und da muss man sich dann wieder rauskämpfen.
Münster aktiv: Dein Tief kam diesmal auf der dritten Laufrunde.
Petra Stöppler: Ja. Bis ungefähr Kilometer 20 war alles gut. Und dann hatte ich plötzlich so einen Moment: Oh shit, jetzt muss ich noch 20 Kilometer. Ich hatte ein bisschen Übelkeit und bin dann zwischendurch gegangen.
Münster aktiv: Was geht einem da durch den Kopf?
Petra Stöppler: Ich teile mir die Langdistanz gedanklich in Stücke ein, das macht es für mich einfacher. Beim Marathon in Kopenhagen waren es insgesamt 4 Laufrunden, da gab es auf jeder Runde ein verschiedenfarbiges Armband. Also habe ich mir gesagt: Jetzt holst du dir erst einmal das erste Bändchen. Dann das nächste……..
Münster aktiv: Und Jörg war auch immer wieder an der Strecke.
Petra Stöppler: Ja. Er konnte den Tracker verfolgen und hat gesehen, dass ich meinen Vorsprung sogar noch ausgebaut habe. Als ich ihm gesagt habe: „Boah, gerade geht gar nichts, ich muss schon wieder gehen“, meinte er: „Dann geh noch ein paar Meter. Du bist immer noch Erste.“
Das macht das weiterkämpfen natürlich einfacher.
Münster aktiv: Also war es am Ende Kopfarbeit?
Petra Stöppler: Auf jeden Fall. Ich wusste ja, dass ich gut trainiert hatte. Und ich habe die Erfahrung aus den vielen Langdistanzen. Ein Tief heißt nicht automatisch, dass das Rennen vorbei ist. Man muss irgendwie wieder rauskommen.
Bei Kilometer 40 war es dann sowieso egal. Da wusste ich: Die letzten zwei Kilometer schaffe ich jetzt auch noch.
Münster aktiv: Und dann warst du tatsächlich Altersklassensiegerin.
Petra Stöppler: Ja. Und das bedeutet mir schon sehr viel. Aber nicht nur wegen des ersten Platzes.
Münster aktiv: Sondern wegen deiner letzten Langdistanz?
Petra Stöppler: Genau. Meine letzte Langdistanz war 2023 in Italien. Schwimmen und Radfahren waren auch damals gut. Aber beim Laufen ging überhaupt nichts. Ich hatte tierische Kopfschmerzen und musste den Marathon fast komplett gehen. Ich kam an diesem Tag mit der Hitze nicht zurecht.
Das war richtig bitter. Ich habe den Marathon zwar beendet, aber es war eine Quälerei.
Münster aktiv: Danach hattest du eigentlich genug von der Langdistanz.
Petra Stöppler: Ja. Ich habe damals gesagt: Das mache ich nicht noch einmal.
Aber 2024 und 2025 habe ich viele andere Rennen gemacht – Sprint, olympische Distanz, Mitteldistanz. Ich liebe den Triathlonsport einfach mit allen Distanzen.
Und irgendwann habe ich zu meinem Mann gesagt: „Was meinst du, wenn ich doch noch einmal eine Langdistanz mache?“ Ich wurde 60 und konnte dieses Ergebnis von Italien einfach nicht so stehen lassen.
Münster aktiv: Du wolltest dir also selbst etwas beweisen.
Petra Stöppler: Ja. Ich wollte einfach noch einmal eine Langdistanz ins Ziel bringen und hinterher sagen: Das ist das, was ich kann.
Viele aus meinem Freundeskreis haben gedacht, ich hätte jetzt die Qualifikation für Hawaii im Kopf, auf Hawaii habe ich ja schon zweimal erfolgreich gefinisht. Aber das war überhaupt nicht der Grund. Mir ging es wirklich darum, einmal wieder eine Langdistanz zu machen, bei der ich im Ziel zufrieden bin.
Und das war am Sonntag so. Ich hatte meinen perfekten Tag.
Münster aktiv: Und dann gab es als Zugabe doch noch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft auf Hawaii.
Petra Stöppler: Ja, die habe ich aber abgelehnt. Das ist natürlich auch eine finanzielle Frage. So eine Teilnahme mit Reise und allem drum und dran kostet sehr viel Geld. Da kommt schnell ein fünfstelliger Betrag zusammen.
Aber das war für mich sowieso nicht das Entscheidende. Ich habe bekommen, was ich wollte.

Münster aktiv: Du bist jetzt 60. Was sagst du Frauen, die in deinem Alter sagen: „Für so etwas bin ich zu alt“?
Petra Stöppler: Nur wegen des Alters würde ich das nicht sagen. Natürlich muss man schauen, was man seinem Körper zumuten kann und wo man sportlich steht. Aber zu sagen: „Ich bin jetzt 60, das geht nicht mehr“, das würde ich so nicht stehen lassen.
Bei der Siegerehrung in Kopenhagen war der älteste Mann in seiner Altersklasse 75. Das fand ich schon Wahnsinn.
Münster aktiv: Hat dir der Sport auch dabei geholfen, gut durch die Wechseljahre zu kommen?
Petra Stöppler: Ich glaube schon. Ich weiß natürlich nicht, wie es ohne Sport gewesen wäre. Das kann man nicht vergleichen. Aber ich bin wirklich gut durchgekommen. Mein Körper hat sich natürlich verändert, aber ich bin in Bewegung geblieben.
Ich finde sowieso, dass jeder auf seine Gesundheit achten, sich vernünftig ernähren und körperlich fit halten sollte.
Münster aktiv: Du hast früher Wasserball gespielt. Das erklärt zumindest, warum du keine Angst vor dem Wasser hast.
Petra Stöppler: Ja, ich komme vomWasserball, wo ich jahrelang erfolgreich beim SV Gronau in der 1.Bundesliga gespielt habe. Aber trotzdem ist Schwimmen mit Neoprenanzug nicht meine Lieblingsdisziplin. (lacht)
Münster aktiv: Was ist denn heute, mit 60, anders als mit 40?
Petra Stöppler: Die Abläufe hat man einfach besser drauf. Wenn man viele Wettkämpfe gemacht hat, weiß man, wie so ein Rennen funktioniert und man ist deutlich routinierter. Man weiß auch, dass noch kein Rennen verloren ist, wenn es am Anfang nicht sofort läuft.
Und man hat gelernt, dass nicht jeder Wettkampf gut sein kann. Man darf nicht gleich alles infrage stellen, wenn es einmal nicht läuft.
Münster aktiv: Also doch ein bisschen mehr Gelassenheit?
Petra Stöppler: Vielleicht. Wobei ich vor einem Wettkampf immer noch genauso aufgeregt bin wie früher. Diese Grundanspannung braucht man auch. Der Körper muss ja wissen: Jetzt geht es los.
Aber man kennt die Abläufe. Und man vergleicht sich vielleicht weniger mit anderen.
Münster aktiv: Das ist ein Satz, der eigentlich für viele Sportler wichtig ist.
Petra Stöppler: Ja. Man muss bei sich bleiben und dem vertrauen, was man kann. Es bringt nichts, sich ständig mit anderen zu vergleichen.
Ich habe zum Beispiel eine Langdistanz-Bestzeit von ungefähr 10:45 Stunden. Wenn ich heute zwölf Stunden brauche und einen guten Tag habe, bin ich zufrieden. Wir werden ja alle älter, aber normalerweise nicht mehr schneller.
Münster aktiv: Und du musst niemandem mehr etwas beweisen.
Petra Stöppler: Nein. Ich mache das für mich.
Münster aktiv: Du hast im Gespräch etwas gesagt, das eigentlich viel größer ist als dein Altersklassensieg: dass man mit zunehmendem Alter mehr zu schätzen weiß, überhaupt noch an einer Startlinie stehen zu können.
Petra Stöppler: Ja. Wenn man älter wird, merkt man einfach, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist. Ich habe im Freundeskreis Menschen verloren, die gesund gelebt haben und trotzdem krank geworden sind. Und Freunde mit gesundheitlichen Problemen, die ihren geliebten Sport plötzlich nicht mehr ausüben können.
Das liegt einfach nicht immer in der eigenen Hand.
Wenn ich heute an einer Startlinie stehe, freue ich mich sehr darüber, dass ich das immer noch erfolgreich machen kann.
Münster aktiv: Und vielleicht ist das am Ende auch wichtiger als jede Zeit.
Petra Stöppler: Ja. Der erste Platz ist natürlich toll. Aber ich freue mich jedes Mal genauso, wenn ich das Ziel heil erreicht habe. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass ich gesund bin und immer meinen Mann an meiner Seite habe – er ist ein Schatz!
Münster aktiv: Dann bleibt es also dabei: Es geht weiter.
Petra Stöppler: Ja. Ich freue mich des Lebens, dass das alles noch so geht.

Fotos: privat






